Insulin: Das älteste Peptidmedikament der Welt

Kein Peptid hat mehr Leben gerettet als Insulin. Seit über 100 Jahren ist es das Fundament der Diabetes-Therapie und gleichzeitig ein Paradebeispiel dafür, was Peptide als Medikamente leisten können. Dieser Artikel erklärt, was Insulin ist, wie es wirkt, wie es sich über ein Jahrhundert entwickelt hat und was heute in Deutschland auf Rezept erhältlich ist.

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Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung. Konsultiere immer einen Arzt.

Eine Entdeckung, die Millionen Leben rettete

Der 11. Januar 1922 ist einer der bedeutendsten Tage der Medizingeschichte. Frederick Banting und Charles Best injizierten dem 14-jährigen Leonard Thompson, der im Sterben lag, erstmals einen Insulin-Extrakt aus Hundepankreas. Die ketoazidotische Krise verbesserte sich innerhalb weniger Tage. Wenige Monate zuvor war Typ-1-Diabetes noch eine unausweichlich tödliche Diagnose. Kinder und Jugendliche starben innerhalb von Monaten nach der Diagnose an Ketoazidose.

Banting und John Macleod erhielten 1923 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Die rasche Verfügbarkeit des Insulins war möglich, weil Eli Lilly, derselbe Konzern, der 2026 Foundayo auf den Markt bringt, die Massenproduktion übernahm, zunächst aus gereinigtem Rinder- und Schweinepankreas.

Eine interessante deutsche Fußnote: 1963 gelang Helmut Zahn und seinem Team am Deutschen Wollforschungsinstitut in Aachen die weltweit erste chemische Totalsynthese des Insulins. Über 200 Syntheseschritte machten eine industrielle Nutzung damals noch unmöglich. Das Experiment räumte jedoch das bis dahin verbreitete Vorurteil aus, Proteine könnten nicht chemisch synthetisiert werden.

Was Insulin biochemisch ist

Insulin ist ein Polypeptidhormon, das aus 51 Aminosäuren besteht, die in zwei Ketten angeordnet sind: die A-Kette mit 21 Aminosäuren und die B-Kette mit 30 Aminosäuren. Beide Ketten sind über zwei Disulfidbrücken miteinander verbunden. Das Molekulargewicht beträgt etwa 5.700 Dalton.

Im Körper wird Insulin in den Beta-Zellen der Langerhans-Inseln in der Bauchspeicheldrüse produziert, zunächst als Proinsulin, einer Vorstufe, aus der enzymatisch das aktive Insulin und ein sogenanntes C-Peptid entstehen. Das C-Peptid ist klinisch relevant: Sein Spiegel gibt Auskunft über die Restfunktion der körpereigenen Insulinproduktion, was für die Unterscheidung von Typ-1- und Typ-2-Diabetes wichtig ist.

Bei normaler Konzentration liegt Insulin in der Bauchspeicheldrüse als Hexamer vor, also sechs Insulinmoleküle mit zwei Zinkatomen als Kern. Nach der Injektion in das Unterhautfettgewebe dissoziiert dieses Hexamer zunächst zu Dimeren und schließlich zu aktiven Monomeren, die in die Blutbahn aufgenommen werden. Diese Hexamer-Monomer-Dynamik ist der Schlüssel zur Entwicklung der Insulinanaloga.

Wie Insulin wirkt: Der Mechanismus

Insulin bindet an den Insulinrezeptor, ein transmembranes Glykoprotein auf der Zelloberfläche von Muskel-, Fett- und Leberzellen. Der Rezeptor besitzt eine Tyrosinkinase-Domäne auf der Innenseite der Zellmembran. Wenn Insulin andockt, aktiviert es diese Tyrosinkinase, die sich selbst und weitere intrazelluläre Proteine phosphoryliert und damit eine Signalkaskade auslöst.

Die wichtigsten Effekte dieser Kaskade: Glukosetransporter (GLUT4) werden aus dem Zellinneren an die Zelloberfläche verlagert, was die Glukoseaufnahme aus dem Blut in Muskel- und Fettzellen ermöglicht. Die Glykogensynthese in der Leber wird stimuliert. Die Glukoneogenese, also die körpereigene Glukoseproduktion in der Leber, wird gehemmt. Die Lipolyse, also der Fettabbau, wird reduziert.

Einfach gesagt: Insulin öffnet die Tür für Glukose in die Zellen. Ohne Insulin oder wenn die Zellen nicht mehr auf Insulin reagieren, bleibt Glukose im Blut und steigt auf gefährliche Werte an, während die Zellen gleichzeitig unter Energiemangel leiden.

Von Tierinsulin zu Humaninsulin: Die Geschichte der Weiterentwicklung

Von 1922 bis in die frühen 1980er Jahre stammte das therapeutisch genutzte Insulin aus tierischen Quellen, hauptsächlich aus Rinder- und Schweinepankreas. Schweineinsulin unterscheidet sich vom menschlichen Insulin nur durch eine einzige Aminosäure an Position B30, Rinderinsulin durch drei Aminosäuren. Beide waren wirksam, führten aber bei manchen Patienten über Jahre zu Immunreaktionen.

1978 gelang es erstmals, Humaninsulin durch gentechnisch veränderte Bakterien herzustellen. 1982 wurde Humulin von Eli Lilly als erstes rekombinant hergestelltes Medikament der Welt zugelassen, ein Meilenstein nicht nur für Insulin, sondern für die gesamte Biotechnologie. Heute wird Insulin entweder in E.-coli-Bakterien oder in Hefepilzen produziert.

Insulinanaloga: Maßgeschneiderte Wirkprofile

Humaninsulin hat ein Problem: Es wirkt nicht schnell genug und nicht lang genug für eine optimale Blutzuckerkontrolle. Nach Mahlzeiten steigt die Glukose schnell an, das injizierte Humaninsulin benötigt aber 30 bis 45 Minuten bis zur vollen Wirksamkeit. Und als Basalinsulin hat Humaninsulin einen unerwünschten Wirkungsgipfel, der nachts zu Hypoglykämien führen kann.

Die Lösung sind Insulinanaloga: synthetische Insulinvarianten, bei denen gezielt ein bis zwei Aminosäuren verändert oder modifiziert wurden, um das Wirkprofil anzupassen. Das Prinzip wurde 1996 mit Insulin Lispro (Humalog) eingeführt. Durch die Umkehrung von zwei Aminosäuren in der B-Kette an den Positionen B28 und B29 wurde die Hexamer-Bildung verhindert. Das Analogon liegt dadurch als Monomer vor und wirkt deutlich schneller.

Parallel wurden langwirksame Analoga entwickelt, die ohne Wirkungsgipfel über 20 bis 42 Stunden gleichmäßig wirken. Insulin Glargin (Lantus, 1999) wurde durch gezielte pH-Verschiebung so modifiziert, dass es im Unterhautgewebe langsam und gleichmäßig freigesetzt wird. Insulin Degludec (Tresiba, 2014) bildet im Unterhautgewebe ein langes Depot und wirkt bis zu 42 Stunden.

Die wichtigsten Insuline in Deutschland heute

In Deutschland sind Insuline verschreibungspflichtig und werden bei Typ-1-Diabetikern vollständig, bei Typ-2-Diabetikern je nach Indikation erstattet. Die wichtigsten Kategorien sind:

Kurzwirksame Analoga
Kurzwirksames Humaninsulin
Mittellang wirksames Insulin (NPH-Insulin)
Langwirksame Analoga
Mischinsuline

Wirkbeginn: 5 bis 15 Minuten
Wirkdauer: 3 bis 5 Stunden

• Insulin Lispro (Humalog, Liprolog)
• Insulin Aspart (NovoRapid, Fiasp)
• Insulin Glulisin (Apidra)

Wirkbeginn: 30 bis 45 Minuten

• Actrapid
• Humulin Normal

• Protaphane
• Humulin N

Wirkdauer: 20 bis 42 Stunden

• Insulin Glargin (Lantus, Toujeo, Abasaglar)
• Insulin Detemir (Levemir)
• Insulin Degludec (Tresiba)

Kombinationen aus kurz- und mittellangwirksamem Insulin für vereinfachte Therapieregime.

Seit dem Patentablauf der ersten Analoga sind auch Biosimilars verfügbar, also günstigere Nachahmerprodukte, die in der EU durch die EMA mit eigenen klinischen Daten zugelassen werden müssen. Abasaglar ist das erste Insulin-Biosimilar, das in der EU zugelassen wurde (2014).

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Insulin im Biohacking-Kontext:
Die gefährlichste Substanz dieser Szene

Insulin taucht zunehmend in der Biohacking-Community auf und das ist der beunruhigendste Aspekt der gesamten Selbstversuch-Debatte. In Bodybuilding-Kreisen wird Insulin zur Förderung der Muskelsynthese genutzt. Das ist medizinisch hochgefährlich. Insulin ohne gleichzeitige Kohlenhydrataufnahme kann innerhalb weniger Minuten zu einer lebensbedrohlichen Hypoglykämie führen.

Der 20min-Artikel über Hadis, den Schweizer Bodybuilder, der seit zwölf Jahren Peptide injiziert, erwähnte explizit die Nutzung von Insulin. Ein kommentierender Zellbiologe brachte es auf den Punkt: Die Anwendung von Insulin ohne medizinische Notwendigkeit kann bis zum Tod führen. Das ist keine Übertreibung. In der internationalen Bodybuilding-Szene sind Todesfälle durch Insulin-Hypoglykämie dokumentiert.

Insulin steht auf der WADA-Liste. Es ist in Deutschland ausschließlich auf ärztliche Verschreibung erhältlich. Es gibt keine legale Grauzone. Wer Insulin ohne Diabetes-Diagnose und ohne ärztliche Aufsicht verwendet, geht ein unkontrollierbares Risiko ein.

Insulin und die Zukunft: Was sich verändert

100 Jahre nach seiner Entdeckung ist Insulin weiterhin Gegenstand intensiver Forschung. Ultrakurzwirksame Formulierungen wie Fiasp, ein Insulin Aspart mit Niacinamid-Zusatz, nähern sich immer mehr dem körpereigenen Reaktionsprofil an. Intelligente Insuline, die automatisch auf Glukosespiegel reagieren, befinden sich in der Entwicklung. Closed-Loop-Systeme verbinden kontinuierliche Glukosemessung mit automatischer Insulinpumpe und nähern sich einer künstlichen Bauchspeicheldrüse.

Die GLP-1-Revolution hat Insulin nicht ersetzt, aber verändert. Bei Typ-2-Diabetikern ermöglichen GLP-1-Agonisten wie Semaglutid in vielen Fällen eine Verzögerung oder Reduktion der Insulintherapie. Bei Typ-1-Diabetikern bleibt Insulin unersetzlich. Weltweit sind über 400 Millionen Menschen auf eine Insulintherapie angewiesen. Es ist das meistverwendete Peptidmedikament der Welt und wird das auf absehbare Zeit bleiben.

Fazit

Insulin ist das Peptid, das Medizingeschichte geschrieben hat: 51 Aminosäuren, über 100 Jahre Einsatz und Millionen gerettete Leben. Seine Biochemie ist vollständig verstanden, sein Einsatz streng reguliert und seine Wirkung unverzichtbar. Es ist die stärkste Argumentation dafür, warum Peptide als Medikamente ernst genommen werden müssen und gleichzeitig das deutlichste Warnsignal, warum peptidbasierte Substanzen niemals ohne medizinische Aufsicht verwendet werden sollten. Was bei Ozempic riskant ist, ist bei Insulin potenziell lebensbedrohlich.

Disclaimer:

Insulin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament. Es darf in Deutschland ausschließlich auf ärztliche Verschreibung eingenommen werden. Die Verwendung ohne Diabetes-Diagnose und ohne ärztliche Aufsicht ist gefährlich und kann tödlich sein. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

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